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500 Jahre Jakob Fugger

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Wer war Jakob Fugger?

Am 30. Dezember 1525 starb Jakob Fugger im Alter von 66 Jahren in Augsburg – damals eine wichtige europäische Metropole. Jakob Fugger war mit den Einflussreichen seiner Heimatstadt auf familiärer, geschäftlicher und sozialer Ebene eng verflochten, zugleich reichte seine Bedeutung weit über Augsburg hinaus. Schon zu seinen Lebzeiten befassten sich die Menschen mit seiner Person, seiner Stellung und seinen Geschäften. Er war und ist Gegenstand von Wissenschaft und Forschung, er fördert posthum den Tourismus, ist in Museen, Romanen, Filmen, Comics, in alter und neuer Kunst präsent, schaut uns von Tassen und Pralinen an.

Also: wer war dieser Jakob Fugger?

Familienbande
"Die Fugger". Zwei Wörter, die genauso wie "Die Welser", "Die Habsburger" oder heute "Die Kardashians" ein interessantes Denkmuster transportieren: Wahrnehmung und Reputation der Familie stehen über dem Einzelnen. Für ambitionierte Familien zu Jakob Fuggers Zeit war das die harte Regel, der sich alle unterordnen mussten. Über Generationen hinweg leiteten die Interessen der Familie berufliche Karrieren ebenso wie die Wahl der Ehepartner. Jede Tochter, jeder Sohn hatte eine Funktion zu erfüllen, die vom erwarteten Nutzen für das Fortkommen der Familie bestimmt war. Das galt nicht nur für die Fugger. Allerdings waren gerade die Fugger sehr geschickt darin, vorteilhafte Ehen für den geschäftlichen und gesellschaftlichen Aufstieg zu schließen. Ebenso gelang es ihnen, die Potentiale einzelner, auch angeheirateter Familienmitglieder optimal einzusetzen sowie Rechte und Pflichten der Familienmitglieder verbindlich im Geschäftsinteresse zu regeln.
Lilienwappen der Familie Fugger
Das Ehrenbuch der Fugger
ca. 1545

Jakob Fugger der Vielfältige

In dem kurzen Zeitraum, aus dem Belege zu Jakob Fuggers Leben überliefert sind, scheint dieser Mann unglaublich viel bewirkt zu haben. Schon zu Lebzeiten wurde er zum personifizierten Superlativ – in seinen Rollen als Unternehmer, politischer Netzwerker, Stifter, Vorbild oder Feindbild. Zwar gilt das im Einzelnen auch für einige von Jakob Zeitgenossen, etwa Bartholomäus Welser. Allerdings dachte und handelte Jakob Fugger in vielen Bereichen innovativ und konnte in der ganzen Bandbreite seiner Rollen Maßstäbe setzen. Dabei kam ihm – wie die neuere Forschung betont – auch das Glück zur Hilfe: Er konnte seine Talente genau in einer Zeit wirtschaftlichen Aufschwungs entfalten, und das in einem für ihn idealen familiären und gesellschaftlichen Umfeld.

Vertrauter und Freund oder Rivale? Konrad Rehlinger heiratete nach Jakobs Tod dessen Witwe.
Bernhard Strigel, Rehlinger-Diptychon_ Bildnis Konrad Rehlingers
1517
Matthäus Schwarz kontrollierte ab 1517 als Hauptbuchhalter Jakob Fuggers die Geschäftsführung der Faktoreien.
Christoph Amberger, Portrait of Matthäus Schwarz
1542
Erzherzog Sigismund der Münzreiche war durch seinen hohen Geldbedarf auf Jakob Fuggers Kredite angewiesen
Tirol, um 1480_96, Herzog Sigismund der Münzreiche von Tirol
um 1480_96
Der einflussreiche Stadtschreiber und Jurist Konrad Peutinger war Teil des Augsburger Netzwerkes von Jakob Fugger
Bildnis Conrad Peutinger
1543
Als Grundherr von Kirchberg-Weißenhorn erhielt Jakob Fugger den Titel eines Reichsgrafen
Ehrenspiegel des Hauses Österreich
(Buch VII)
"Verewigt" in der Grabkapelle bei St.Anna: Jakob Fugger als Christ und Stifter
Beliebt als Freund
An den Höfen, in der Gesellschaft und im persönlichen Umfeld wirkten vielen Unterstützer Jakobs, auf deren Loyalität oder Freundschaft er zählen konnte. Dazu gehörten etwa Herzog Georg von Sachsen oder Georg Zatmar, Erzbischof von Gran und Berater des ungarischen Königs. Dabei muss man beachten, dass Freundschaft im damaligen Sinn nicht unbedingt privat gedacht war, sondern auch Verhältnisse beschrieb, in denen man in bestimmten Belangen auf die Betonung von Rangunterschieden verzichtete. Solche „Freundschaften“ konnten auch rechtlicher, sozialer oder politischer Natur sein. Persönliche Freunde fand Jakob wohl unter seinen Faktoren und in der Verwandtschaft, jedenfalls hebt er einige durch besondere Vermächtnisse in seinem Testament hervor. Auch seine Neffen hat er sehr „lieb gehept“, wie der fuggerfreundliche Chronisten Clemens Sender schreibt. Namentlich als Freund wird von Sender der Augsburger Patrizier Konrad Rehlinger erwähnt, „dem doch herr Jacob Fugger über leib und gut vertraut hat, vil fraindschafft bewissen und stets ob seinem tisch gehapt hat zu gast“. Allerdings heiratete Konrad Rehlinger ungewöhnlich früh nach Jakobs Tod dessen Witwe Sibylla Fugger-Artzt, was Sender scharf tadelt.
Beliebt als Feind
„Vil, wie der Welt lauf, sind mir veind“, schrieb Jakob Fugger 1519 in einem Brief an den Herzog von Sachsen. Und damit hatte er recht: Jakob begleiteten zeitlebens erbitterte Feinde, unter geschäftlichen Wettbewerbern ebenso wie auf politischer und gesellschaftlicher Ebene. Das obige Zitat fiel im Zusammenhang mit dem Grafen von Zollern und dem Herzog von Württemberg, die Jakob seine Herrschaft Kirchberg nicht zugestehen wollten. Zu Gegnern mit größerer Wirkmacht wurden Martin Luther, der Jakob als Personifizierung der ungezügelten Geldmacht angriff, sowie der Dichter Ulrich von Hutten, welcher Jakob in populären Spottversen aufs Korn nahm. Ab etwa 1520 stand Jakob immer mehr im Kreuzfeuer der öffentlichen Meinung, auch weil er die reformatorische Bewegung keineswegs billigte. Gegen 1525 schürten zudem der ungarische Adel sowie der königliche Kammergraf und Fuggerfeind Bernhard Behaim die Wut auf Jakob Fugger und seine Gesellschaft. Noch auf dem Sterbebett hatte Jakob alle Hände voll zu tun, seine Reputation und seinen Handel in Ungarn zu retten.
Reich und berühmt als Kaufmann
Bereits in den Jahren zwischen 1486 und 1510 hatten die Brüder Ulrich, Georg und Jakob das Vermögen ihrer Gesellschaft verzehnfacht und besetzten damit die Spitze der Augsburger Steuerzahler. Nach dem Tod seiner Brüder führte Jakob die Gesellschaft ab 1510 als alleiniger „Regierer“ weiter und perfektionierte sein Erfolgsrezept: Ihm gelang eine beispiellos effiziente Verzahnung von Kreditgeschäften, Montanwirtschaft und Handel. Obwohl es auch Rückschläge gab, steigerte er in den nur 15 Jahren bis zu seinem eigenen Tod das Gesellschaftskapital von knapp 200.000 auf über 2 Millionen Gulden . Jakob Fugger war als der führende und vermögendste Kaufmann seiner Zeit bekannt – und entsprechend gefragt, aber auch umstritten.
Gelobt und kritisiert als Arbeitsgeber
Einer der berühmtesten Mitarbeiter von Jakob Fugger war sein Hauptbuchhalter Matthäus Schwarz, der sich in einem eigenen „klaidungsbuechlin“ verewigen ließ. Schwarz hatte sich in Venedig – einem Zentrum des damaligen Buchhaltungs- und Handelswissens – ausbilden lassen. In seiner „Musterbuchhandlung“ gesteht er, dass Schwarz sich selbst als großartig hielt, bis er feststellte, dass ihm Jakob Fugger mit seiner Buchhaltungsexpertise weit voraus war und er besser bei ihm in Augsburg gelernt hätte. Zu Jakobs wichtigsten Mitarbeitern zählten die zahlreichen „Faktoren“, die ihn an den Niederlassungen vertraten. Sie waren sehr gut bezahlt, trugen aber auch große Verantwortung. Jakob übernahm die Revision ihrer Bücher häufig selbst und rechnete penibel nach. Brach jemand sein Vertrauen, etwa durch krumme Geschäfte auf eigene Rechnung, reagierte er und verfolgte beispielsweise seinen langjährigen römischen Faktor Zink gerichtlich, als dieser ihn betrog. Andererseits hatte er unter seinen Mitarbeitern auch echte Vertraute, die er beschenkte und testamentarisch bedachte. Im weitesten Sinn zählten zu Jakobs Mitarbeitern auch Knappen, die mit ihrem Können den Erzreichtum der Kupfer- und Silberminen erschlossen. Mit ihnen gab es vor allem im Zuge der Knappenaufstände in Tirol und Ungarn um 1525 ernsthafte Konflikte, da sie Jakob Fugger und seine Gesellschaft für Teuerung und Missstände verantwortlich machten.
Unverzichtbar als politischer Steigbügelhalter
Mit Hilfe von Jakob Fuggers Krediten wurde das Schicksal von Kardinälen, Fürsten, ganzen Regionen und Städten begünstigt oder zerstört – je nachdem, wie das Geld von seinen Schuldnern eingesetzt wurde. Direkt politisch aktiv war Jakob nicht, doch durch die enge geschäftliche Verbindung mit den Habsburgern förderte er vor allem deren politische Ziele. Er verdiente daran kräftig, war aber auch auf die Rückzahlung der Kredite und damit auf den Erfolg der Habsburger angewiesen. Jakob finanzierte zu einem beträchtlichen Teil den Geldbedarf des Königs und späteren Kaisers Maximilian I. – u.a. für Feldzüge, Hofhaltung und diplomatische Aktionen. Das bekannteste Beispiel für Jakobs politische Relevanz ist die Kaiserwahl von Maximilians Enkel, Karl V.: Nur Jakob Fugger konnte die ungeheuren Summen zusichern, welche die Mehrzahl der Kurfürsten für ihre Stimmen zugunsten Karls forderte. Wäre es Jakob nicht gelungen, das Geld gemeinsam mit den Welsern und Genueser Bankiers aufzubringen, hätten die Kurfürsten möglicherweise dem französischen König Franz I. den Vorzug gegeben – und die Geschichte wäre anders verlaufen.
Aktiv als Karrieremacher oder -verhinderer
Die Unterstützung von Jakob Fugger konnte über Lebenswege entscheiden. Das galt nicht nur für seine Faktoren, Mitarbeiter oder Neffen. Ein bekanntes Beispiel liefert Erzherzog Sigismund „der Münzreiche“ von Tirol. Zunächst sicherten sich die Fugger mit Krediten für den stets klammen Erzherzog den Einstieg in das lukrative Tiroler Silbergeschäft und dominierten es. Doch als der überschuldete Sigismund den Rückhalt im eigenen Land verlor, drehte Jakob ihm den Geldhahn zu. Sigismund verzichtete zugunsten seines Neffen Maximilian I. auf die Herrschaft in Tirol. Jakob förderte nun Maximilians Aufstieg nach Kräften und wurde sein wichtigster Bankier. Gleichwohl verliefen nicht alle Interventionen von Jakob zufriedenstellend. So hatte Jakob zwar dafür gesorgt, dass Christoph von Stadion anstelle eines durchaus geeigneten Konkurrenten zum Bischof von Augsburg ernannt wurde. Bald aber klagte Jakob über die Undankbarkeit seines einstigen Protegés, der sich ihm gegenüber verhalte „als hätte er ihm den Vater erschlagen“.
Hartnäckig als Lobbyist
Für seine Ziele setzte Jakob Fugger alle Hebel in Bewegung. Durch intensive Bearbeitung seiner Netzwerke erreichte er auf Ebenen vom Stadtrat bis zu Königen, Kaisern, Päpsten und Dogen häufig Entscheidungen zu seinen Gunsten – auch zugunsten anderer Beteiligter. So vereinbarte er mit dem Augsburger Rat eine Pauschalbesteuerung, die ihm und anderen Gesellschaften Aufwand und Geld sparte. In der Debatte um das Zinsnehmen schickte er den Gelehrten Dr. Johannes Eck für die Gesellschaften ins Feld. Als die großen Gesellschaften vor dem Reichstag mit der „Monopolklage“ angegriffen wurden, sorgte er mithilfe von Konrad Peutingers Argumentation für deren Niederschlagung. Auch um kleinere Ziele kümmerte er sich als „Lobbyist“: So führte er eine Bürgerbewegung seines Kirchensprengels an, um einen qualifizierten Prediger für St. Moritz zu gewinnen – was ihm durch beharrliche Intervention beim Papst auch gelang.
Bahnbrechend als Netzwerker
Jakob Fugger war unermüdlich im Gestalten strategischer Netzwerke. Innerhalb der städtischen „Oligarchie“ der führenden Familien knüpfte er Bande über Heiraten, Stellenbesetzungen, geschäftliche und gesellschaftliche Unterstützung. Europaweit spannte sich sein Netzwerk, in dem gekrönte Häupter, hochrangige Kleriker, Unternehmer und deren einflussreiche Mitarbeiter vertreten waren. Über Investitionen, Kredite, Einlagen, Geschenke und Gefälligkeiten nutzte Jakob ihre Interessen für seine Ziele. Der Erfolg dieser Verbindungen basierte auf einem ausgeklügelten Kommunikationsnetz. Aus den Faktoreien in Europa versorgten ihn eigene Leute mit Nachrichten – von Kursentwicklungen bis zu politischen und gesellschaftlichen Neuigkeiten. Die Fugger-Zentrale in Augsburg wurde zur führenden Informationsbörse mit dem Brief als wichtigstem Medium. Systematischer als andere Handelsherren nutzte Jakob den neuen regelmäßigen Brieftransport der Taxis-Post und Boten. Von seinem Informationsvorsprung profitierte nicht nur Jakob selbst: Er setzte ihn auch gezielt zur Pflege seines Netzwerks ein.
Mittendrin als Bürger - und trotzdem Adeliger
1507 erhielt Jakob Fugger als Pfandbesitz die Herrschaft Kirchberg-Weißenhorn von Maximilian I. Damit er seine Herrschaft gegen adeligen Widerstand faktisch ausüben konnte, wurde er einige Jahre später zum Reichsgrafen erhoben. Allerdings war es Augsburger Bürgern gar nicht gestattet, in der Stadt einen solchen Adelstitel zu führen. Daran hielt sich Jakob. Er erweiterte zwar in den folgenden Jahren seinen Herrschaftsbesitz und nahm seine Pflichten und Rechte als Reichsgraf und Grundherr wahr. Dennoch bezeichnete er sich stets als Bürger von Augsburg. Er zahlte hier Steuern, war Mitglied des Rates, übernahm zeitweise Ämter, z.B. als Aufseher über das Druckgewerbe, und wurde als Ratgeber etwa bei einer Getreideknappheit herangezogen. In seiner Augsburger Schreibstube liefen alle Fäden seines Geschäfts zusammen, in seinem Anwesen am Weinmarkt glänzte er als Gastgeber und Ansprechpartner für Geschäftsfreunde, Diplomaten, hohe Geistliche und gekrönte Häupter aus halb Europa. Jakob hatte aber auch seine weniger privilegierten Mitbürger im Blick, die er z.B. mit seiner Wohnstiftung, der heutigen Fuggerei, entlastete.
Glorios als Stifter und Förderer
Eigene Stiftungen waren für reiche Menschen des späten Mittelalters ganz normal. Sie bedeuteten die Absicherung ihres Seelenheils und waren auch eine Art Statussymbol. Zum Teil fand ein regelrechtes Wetteifern um die großartigsten Stiftungen statt. Doch Jakob Fuggers Stiftungswerk stellte in Augsburg alles Vergleichbare in den Schatten und ist bis heute berühmt. Besonders gilt das für die Fuggerei-Stiftung: Ihre Zielsetzung als Wohnstiftung für bedürftige Handwerker und Tagelöhner, der enorme Umfang und die dafür vorgesehene Summe waren einzigartig. Auch die prachtvolle Grabkapelle bei St.Anna setzte Maßstäbe als Zeugnis für das Streben nach familiärem Ehrgewinn und für tiefen Glauben. Jakob stiftete sehr viel Geld auch für weitere Kirchen und Kapellen, z.B. für St. Ulrich, die Dominikanerkirche St. Magdalena oder S. Maria dell' Anima in Rom. Zudem förderte er laut der Sender-Chronik bedürftige Menschen ganz konkret: „Vil armer jungfrauen hat er ausgesteurt und verheiret; etlich arm knaben hat er lassen handttwerck lernen, und nach seinem tod hat er armen leuten verschafft auszugeben 14.000 fl (Gulden)“.
Klar als Altgläubiger und Reformationsgegner
„Natürlich“ war Jakob Fugger gläubiger Christ, wie die anderen Augsburgerinnen und Augsburger seiner Zeit – etwas anderes wäre im Grunde undenkbar gewesen. In vielen Äußerungen bezog er sich auf Gott, nicht nur im Stiftungsbrief oder Testament, sondern auch im Briefverkehr. So schrieb er dem Herzog von Sachsen, er sei reich „von Gottes Gnaden“. Christ war man im Sinne der päpstlichen Kirche. Eine andere Konfession gab es nicht. Erst in Jakobs letzten Lebensjahren spielte die Reformation mit ihrer Abkehr von der Papstkirche eine große, ja umwälzende Rolle. Während einige Augsburger Handelsherren mit reformatorischen Bewegungen sympathisierten, blieb Jakob papsttreu und beim „Alten Glauben“. Die Begriffe „katholisch“ oder „evangelisch“ waren noch ungebräuchlich. Jakob jedenfalls sei „gantz wider die Lutherei“ gewesen, berichtet der Chronist Clemens Sender. Vorsorglich gab er 1525 testamentarisch seinen Neffen freie Hand in Bezug auf sein Begräbnis in der Grabkapelle bei St.Anna. Denn dort habe sich „das wesen (...) annderst dann vor erzaigt“ – reformatorisches Gedankengut hatte sich verbreitet. Tatsächlich wurde St.Anna evangelisch, doch Jakobs Grabkapelle blieb bis heute katholisch.
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Jakob Fugger nah und fern.

Binnen weniger Jahrzehnte vergrößerten sich der geografische Handlungsraum und die Bedeutung der Firma und Familie Fugger erheblich. Die Anfänge mit Niederlassungen z.B. in Venedig, Lissabon und Krakau setzten Ulrich, Georg und Jakob Fugger gemeinsam; versuchten sich auch kurz im Indienhandel. Nach dem Tod seiner Brüder dehnte Jakob den Handel nach Skandinavien und in den Ostseeraum aus. Mit Jakobs Erfolg wuchs seine Relevanz als europaweit gefragter Geschäftspartner und Kreditgeber. Auch in die Region wirte Jakob: Nach dem Erwerb einiger Herrschaften übte er dort die Rechte und Pflichten eines Grundherrn aus. In Augsburg hatte Jakob erheblichen Besitz und Einfluss. Anders als viele Standesgenossen übernahm er jedoch nur in seltenen Fällen ein Amt. Gleichwohl wirkte er in seiner Heimatstadt großzügiger als Förderer und Stifter.

Zuhause in der Metropole Augsburg
Augsburg war und blieb der Lebensmittelpunkt Jakob Fuggers, obwohl er viel reiste und auch Zeit in seinen Herrschaften verbrachte. Bis er als 14-jähriger zur Ausbildung nach Venedig ging, lebte er im Anwesen der Familie in bester Zentrumslage. Nach seiner Rückkehr aus Italien machten seine Brüder und er die gemeinsame Gesellschaft zum führenden Handels- und Finanzunternehmen der Stadt. Jakob heiratete eine angesehene Nachbarstochter, pflegte das gesellschaftliche Leben im Tanzhaus oder in der Herrenstube. An der heutigen Maximilianstraße erwarb er mehrere Häuser und baute sie zum repräsentativen Wohn- und Geschäftsanwesen um. Einige Kirchen, die in Jakobs Leben eine wichtige Rolle spielten, waren nur wenige Schritte entfernt. Seine Gärten und seine berühmteste Stiftung, die heutige Fuggerei, befanden sich in der Jakober Vorstadt. vor dem damaligen Stadtkern. Auf dem „Seldplan“ von 1521 sind diese und weitere interessante Orte sehr schön abgebildet.
Fresko am Fuggerhaus zeigt Jakob Fugger bei der Gründung der Fuggerei
Ferdinand Wagner d.Ä., Jakob Fugger gründet die Fuggerei
1860-1863

Wichtige Orte für Jakob Fugger

Ein Muss: Jakob als Grundbesitzer und Adeliger.
Jakob Fuggers Geschäfte mit Maximilian I. hatten bisweilen überraschende Folgen: 1507 etwa schlug dieser zur Schuldentilgung die pfandweise Übertragung einer Grafschaft an Jakob vor. Jakob war interessiert an Grundbesitz, und so kam die Grafschaft Kirchberg-Weißenhorn für 50.000 Gulden an ihn. Zwar behielt sich Maximilian ein Rückkaufsrecht vor, nahm es aber nicht in Anspruch. Damit Jakob seine Herrschaft faktisch ausüben konnte, musste allerdings ein Problem gelöst werden. Die adeligen Lehnsträger in der Grafschaft weigerten sich, den Kaufmann und Bürger als Lehensherrn anzuerkennen. Also erhob Maximilian Jakob 1511 in den Reichsfreiherrenstand, 1514 machte er ihn schließlich zum Reichsgrafen. Jakob bezeichnete sich weiterhin als Bürger von Augsburg – denn dort war Bürgern das Führen von Adelstiteln untersagt. Die Investition in Herrschaftsbesitz setzte Jakob gleichwohl fort und kaufte Grundherrschaften in Schmiechen (1509) und Biberbach (1514). Zuletzt war er Grundherr in etwa 50 Dörfern, aus denen er Abgaben bezog und für die er verantwortlich war. Als Grundherr hatte er Rechte und Pflichten, wie Gerichtsbarkeit, Pflege der Infrastruktur, oder Schutz seiner Untertanen. Die nachfolgenden Generationen der Fugger investierten weiterhin in Grundbesitz vor allem in Schwaben. Durch Standeserhebungen und eheliche Verbindungen mit dem Adel verlagerte sich allmählich der Schwerpunkt der Familie weg vom Handel hin zum Herrschaftsbesitz und zum Leben als Landadelige.
Herrschaft Biberbach um 1559
Ehrenspiegel des Hauses Österreich
Neue Routen, neue Räume - und die Fugger sind dabei
Wie stark sich der Wirkungskreis der Fuggergesellschaft zu Jakobs Lebzeiten erweiterte, zeigt sich im wachsenden Netz ihrer europäischen Faktoreien und Vertretungen zwischen 1494 und 1525. Der rasche Ausbau gelang auch dank eines zunehmend professionellen Postverkehrs, der die Kommunikation mit der Zentrale in Augsburg erleichterte. Die Leiter der Faktoreien, die Faktoren, verfügten über weitreichende Handlungsvollmachten. Für Orte ohne feste Vertretung wurden lokale Makler oder Mitarbeiter aus anderen Niederlassungen eingesetzt.
Mit der Entdeckung des Seeweges nach Indien verlagerten sich um 1500 die Handelsströme in Europa. Venedig, wohin bisher die indischen Gewürze mit Schiffen über das Mittelmeer und auf dem Landweg geliefert worden waren, verlor an Bedeutung. Lissabon als Stapelplatz für Gewürzlieferungen portugiesischer Kaufleute und Antwerpen als Umschlagplatz für Kupfer stiegen auf. Die Fugger etablierten daher wie auch andere Gesellschaften Faktoreien in beiden Städten. Ein Großteil ihres ungarischen Kupfers wurde nun über die Weichsel nach Danzig transportiert und von dort aus via Antwerpen nach Lissabon verschifft.
Europakarte im 16. Jahrhundert
Typus orbis terrarum / Franciscus Hogenbergus
(1539?-1590?)
Unterwegs mit Jakob Fugger
Trotz der Vertretung durch Faktoren und andere Beauftragte waren persönliche Reisen für Jakob oft unumgänglich. Seiner ersten großen Reise als 14-Jähriger zur Ausbildung nach Venedig folgten viele weitere, vor allem auf der Achse Augsburg–Innsbruck–Bozen, aber auch nach Breslau und Neusohl. Vermutlich besuchte er auch die wichtigen Frankfurter Messen. Häufig ritt er zu geschäftlichen Verhandlungen mit Maximilian I. oder dessen Berater. Auch bei geschäftlich relevanten Ereignissen wie dem Reichstag zu Konstanz 1508 oder dem Wiener Kongress von 1515 war Jakob anwesend. Dazu kamen Aufenthalte in seinen Herrschaften, die bisweilen auch seiner persönlichen Sicherheit dienten – etwa als 1521 in Augsburg die Pest herrschte. Im fortgeschrittenen Alter blieb Jakob wohl überwiegend in Augsburg. Viele Reisen und Vertretungen etwa bei Reichstagen übernahmen inzwischen Jakobs Neffen. Außerdem funktionierte der Informationsfluss zwischen Zentrale und Faktoreien immer besser. Auch das ausgefeilte Buchführungswesen trug dazu bei, dass die Geschäfte in der Ferne leichter vom zentralen Kontor gesteuert und kontrolliert werden konnten. Persönliche Reisen wurden damit entbehrlicher – ein großer Vorteil. Denn Reisen war zu Jakob Fuggers Zeit teuer, anstrengend und riskant. Unterwegs musste man jederzeit mit schlechten Straßenverhältnissen, räuberischen Überfällen, Krankheit, Unfällen oder wetterbedingten Verzögerungen rechnen. Das galt insbesondere für Jakobs „Hauptstrecke“ über die Berge nach Innsbruck oder Bozen. Sieben bis zehn Tage brauchte man dafür zu Pferd.
Matthäus Schwarz (links) und Jakob Fugger (rechts) in der „Goldenen Schreibstube
Matthäus Schwarz: Trachtenbuch
1520-1560

Weitere Quellen

Genutzes Bild beim Kapitel-1-Übergang:
Lilienwappen der Familie Fugger Das Ehrenbuch der Fugger, ca. 1545 Bayerische Staatsbibliothek, Cgm 9460
Genutze Bilder im Stammbaum:
Das Ehrenbuch der Fugger, ca. 1545 Bayerische Staatsbibliothek, Cgm 9460
Genutzes Bild beim Kapitel-2-Übergang:
Venedig im 15. Jahrhundert Breydenbach, Bernhard von: Opusculum sanctorum peregrinationum. Mainz: [Erstdruck] 1486. – Digitalisat der Bibliothèque nationale de France, Département des Manuscrits, Signatur: btv1b20000018
Genutzes Bilder in der Karte der “wichtigen Orte für Jakob Fugger”:
Jörg Seld und Hans Weiditz (?), Vogelschauplan von Augsburg (sog. „Seld-Plan“), 1521, Kolorierter Holzschnitt, 81,7 x 190,7 cm, Augsburg, Kunstsammlungen & Museen Augsburg, Inv. Nr. G 26455 [Kunstsammlungen und Museen Augsburg]